Sonntag, 4. September 2016

Die Geschichte vom "Nachts-Kocher"

Vor ziemlich genau sechs Jahren zog die Frau auf der anderen Seite vom Hof aus. Ich wohnte zu diesem Zeitpunkt seit etwa zwei Jahren in unserer Wohnung. Ich habe sie nie kennengelernt, denn sie wohnte nicht nur in einem anderen Haus als ich, sondern auch in einer anderen Straße. Aber immer wenn ich mit meinem Kaffeebecher auf dem Küchen-Hocker am Fenster saß (damals noch mit einer Zigarette in der Hand) und aus dem Fenster guckte, sah ich ihr Küchenfenster, eingerahmt von zwei knallroten Blumentöpfen. Und manchmal saß sie im Fenster, rauchte, trank Kaffee (nehme ich zumindest an) und telefonierte. Einmal haben wir uns über die beiden Höfe, die wir überblicken konnten, hinweg angelächelt. Und dann war sie plötzlich weg.

Kurz darauf zogen neue Menschen in die Wohnung. Es waren zwei. Eine Frau und ein Mann. Aber ich sah meistens ihn. Er sah mich auch. Und dann verhängte er die untere Hälfte seines Küchenfensters mit einem potthässlichen, hellgrünen Vorhang. 

Was für ein Rückschritt! 
Von roten Blumentöpfen zu hellgrünem Vorhang. Und von der netten Frau mit den dunklen Haaren zu dem Mann mit dem Vorhang.
Und jedes Mal, wenn ich gerade aus aus dem Küchenfester sah, sah ich unweigerlich direkt auf das hässlich begrünte Küchenfenster.
Eines schönen Tages wurde der Vorhang entfernt und ein weißer Raff-Rollo montiert. Ich fand den Sichtschutz gegen uns scheinbar so voyeuristischen Nachbarn immer noch so semi-toll, aber der Anblick des Rollos tat farblich zumindest nicht in den Augen weh.

Ich gewöhnte mich an den Rollo. Und an dessen Besitzer; den Mann, der zu den ulkigsten Zeiten in der Küche werkelte, immer in weißem Hemd, oft mit Pullunder.
Wenn man wie ich lange Zeit nachts in der Gastronomie arbeitet, bekommt man einen guten Überblick darüber, wer nachts um 2, wenn man selbst von der Arbeit kommt, noch wach ist. Er war es oft. Und wenn, kochte er. Und jedes mal im weißen Hemd und mit Schürze, Die zweite Schwangerschaft meinerseits brachte einige schlaflose Nächte mit sich. Und die Erkenntnis, dass man auch nachts um 3 noch kochen kann - also zumindest, wenn man mein Nachbar ist. 

Ich stellte fest, dass er mir ans Herz gewachsen war. 
Ich begann mich zu fragen, was ein weißhemdiger, grauhaariger, ich schätze mal 50-jähriger nachts Essender so beruflich machen könnte. Aber ich bin selbst mit Kontaktlinsen so blind, dass ich sein Gesicht nie scharf sehen konnte und mit Fernglas rüber gestarrt hab ich auch nie! Ich war mir also nicht mal sicher, ob ich ihn erkennen würde, wenn ich ihn auf der Straße treffe. Aber unsere Tagesabläufe gehen, seit ich zum zweiten mal Mutter geworden bin, diametral auseinander, sodass wir wahrscheinlich eh niemals gleichzeitig außer Haus sind. Jedenfalls erschien es mir mehr als unrealistisch, jemals seinen Beruf herauszufinden, ohne ein Spruchband mit der Frage danach an unser Küchenfenster zu hängen. Und die Erinnerung an den grünen Vorhang hielt mich zurück. Der Mann will seine Privatsphäre. Und dazu hat er auch jedes Recht! Keine Zettel an die Fenster! Geht dich auch gar nix an, Anna!

Vor langer Zeit hat mir mal eine Wahrsagerin gesagt, 4 und 9 seien meine Glückszahlen. Nun, es mag sein, dass sie damit Recht hatte.
Heute, am 4.9.2016, sechs Jahre, nach Einzug des "Nachts-Kochers" in die Parallelstraße und somit in meine Nachbarschaft und mein Leben, lief ich an einem Mann vorbei, dessen Frisur, Haarfarbe, Körpergröße und Kleidungsstil verursachte, dass ich mich nach ihm umdrehte. Und eben dieser Mann drehte sich auch um. 
Morgen werde ich ein paar meiner Freunde anrufen und ihnen erzählen, dass der "Nachts-Kocher" Bernhard heißt und Schriftsteller ist. Und dass der grüne Vorhang gar nicht aufgehängt wurde, um seine Küche vor unseren Blicken zu schützen, sondern zum Schutz seines Basilikums vor zu viel Sonne. Und dass er oft überlegt hat, uns mal über die beiden Höfe hinweg zuzuprosten, aber dann hat er sich nicht getraut. Er wollte nicht wie ein Voyeur wirken. 
Demnächst trinken wir mal gemeinsam ein Glas Wein. Also falls wir ein Zeitfenster finden, zu dem wir alle wach sind.

Gute Nacht, ihr Lieben, schlaft gut!
Und gute Nacht, Bernhard - koch Dir was Schönes!

Alles Liebe, Eure Anna

1 Kommentar:

  1. Was für eine schöne Geschichte! Toll geschrieben♥
    Liebste grüße, Sandy

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