Montag, 30. März 2015

Scheitern als Chance l der Praxistest

In meinem früheren Leben, in einer Zeit lange vor dem Zwerg, war ich mal Schauspielerin. Ich spielte am Theater hier und am Theater dort und hing grundsätzlich mit vielen Schauspielerinnen und Schauspielern rum. In diesen Kreisen ist Scheitern eine sehr beliebt Sache.

Aus zwei Gründen. Grund Nummer 1 ist: Etwas zu riskieren ist gut. Wer es riskiert zu Scheitern, hat was riskiert. Noch viel beliebter war es natürlich, was zu riskieren und dann nicht zu scheitern. Logisch. Da das naturgemäß nicht immer klappen kann, muss das Scheitern als Schauspieler dein Freund sein oder werden. Denn ohne diese Freundschaft ist es irre schwer bis unmöglich auf einer Probe ein mutiges Angebot zu machen. Und zaghafte Angebote auf Proben sind öde und Lebenszeitvergeudung. 
Ich bin Perfektionist. Und als solcher lehnte ich das Konzept des Scheiterns generell ab. Entsprechend schwer fiel es mir, das Scheitern mögen zu lernen. Doch nach langem Ringen kam dann der Tag, an dem ich den perfektionistischen Teil von mir abspalten und stundenweise deaktivieren konnte. Und plötzlich fand ich es völlig ok, mich zum Vollhorst zu machen. Es machte mir sogar Spaß! Ich wurde mutig. Ich wurde eine viel bessere Schauspielerin.
Dann zog ich nach Berlin.
Seitdem bin ich vieles - Schauspielerin bin ich so gut wie nie.
Schauspiel-Karriere gescheitert!
Und da hätten wir dann auch Grund Nummer 2!

Seit 3 1/2 Jahren bin ich, neben vielen anderen Betätigungsfeldern jetzt auch Mutter.
Vieles aus meinem früheren Leben kommt mir da sehr zugute. Zum Beispiel ist es hilfreich in jeglicher Wartesituation zum Amüsement des Nachwuchses irre Grimassen schneiden zu können, ohne dass es einem zu peinlich ist, von fremden Leuten angestarrt zu werden. Und ja, dass passiert mir häufiger. Das mit den Grimassen und das mit dem Angestarrt werden.
Nach ein paar Jahren auf der Bühne stumpft man ab, was das Angestarrt werden betrifft. Und das ist wirklich `ne super Sache in Momenten, in denen man gerade neben der Supermarktkasse mit Engelszungen auf seinen am Boden liegenden, brüllenden Dreijährigen einredet oder quer über den Gehweg brüllt, weil das viel geliebte Kind samt Laufrad auf eine stark befahrene Straße zu saust und dabei den Weg eines Pitbulls ohne Maulkorb kreuzt. 
Und da man als Schauspieler fast zwangsläufig eine Rampensau ist, kostet es auch keinerlei Überwindung sich am Höhepunkt einer kindlichen Motz-Heul-Jammer-Attacke neben das Kind auf den Boden zu werfen, um laut brüllend auf selbigen einzutrommeln. Jeder, der es wagt, wird merken: das bringt das Trotzkind komplett aus der Fassung - zumindest die ersten beiden Male.

Ein klein wenig schade ist es allerdings, dass ich schon wieder auf dem besten Weg bin, komplett zu Scheitern - diesmal als Mutter - denn, dass ein Kind zu einem vollkommen normalen jungen Mann heranwächst, das eine dermaßen peinlichkeits-resistente Mutter hat, kann man getrost ausschließen. Da mein Verhalten seines maßgeblich prägt, wird jedweder Versuch seinerseits, angepasst und unauffällig durchs Leben zu gehen, zum Scheitern verurteilt sein! Ein keiner Trost bleibt mir: das Ganze hat auch seine praktische Seite - es birgt immerhin die Möglichkeit, dass er sich frühzeitig ans Scheitern gewöhnt. Das wirkt sich dann zumindest positiv auf seine beruflichen Chancen aus - denn ganz klar - egal wie sehr ich mir für ihn etwas anderes wünsche - wenn ich so weiter mache wie bisher, dann wird der Junge mit hoher Wahrscheinlichkeit Schauspieler.

Und der ewige Kreislauf des Scheiterns beginnt von vorn.


Danke liebe Anne-Lu, dass Du mich mit Deiner Blogparade #geschichtenvomscheitern dazu gebracht hast, mich mit dem Thema auseinander zu setzen - so laufe ich jetzt zumindest sehenden Auges ins Verderben.

Euch alles Liebe
Eure Anna

Kommentare:

  1. Herrlich! Vielen Dank für diesen Einblick ins Scheitern! Und was solls... das Leben ist schön, ob nun gescheitert oder nicht. Und die die sagen, sie scheitern nie; sind die Schlimmsten, denn sie scheitern vor sich selbst... Und man kann auch glücklich sein, wenn man scheitert, nicht im Ganzen, aber hier und da... das ist so und gehört dazu!
    VLG Julia

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  2. :-)
    Also, wenn Dein Scheitern lediglich bedeutet, dass Dein Sohn seinen eigenen Weg gehen wird, dann mach ich mit keine Sorgen. Wer mit der Herde läuft, kann nur den Ärschen folgen oder so ähnlich der Spruch, der mir dazu einfällt...
    liebe Grüße und viel Komik und Humor in der Erziehung wünsch ich weiterhin, kann nicht schaden!
    Petra

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  3. Das ist ein wunderbarer Text mit viel Humor und hier ähhhhh ähnlich erlebten situationen (auch rampensau obwohl nicht ausgebildet :) ) Danke für den schönen Text.

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